Majolika Manufaktur Karlsruhe: die Abschlussauktion einer 120-jährigen Institution
Als ich im Dezember 2024 zum ersten Mal durch die Hallen der Majolika Manufaktur Karlsruhe ging, standen dort Tausende keramische Arbeiten – Unikate, Werkstattstücke, nie gezeigte Entwürfe. Über 120 Jahre Manufakturgeschichte, und eine offene Frage: Was wird daraus?
Drei Monate später war jedes einzelne Stück verkauft. Dieser Bericht beschreibt, wie das gelungen ist – der Ablauf, die Zahlen, die Entscheidungen. Und was Träger daraus mitnehmen können, die vor einer ähnlichen Aufgabe stehen. Die Projektleitung lag bei mir, Oskar Kampik – Kunstberater für Sammlungs- und Museumsauflösungen, Berlin.
Das Projekt in vier Zahlen
Die Ausgangslage: 10.000 Objekte und ein fester Stichtag
Zwei Dinge machten dieses Projekt anspruchsvoll. Erstens der Umfang: Der Bestand reichte vom signierten Einzelstück bis zum Depotkonvolut, dazu Werkstattmuster und Arbeiten, die nie öffentlich zu sehen gewesen waren. Zweitens die Zeit – die Räume mussten zu einem festen Termin übergeben werden. Ein Zeitplan, der sich nicht verschieben ließ.
Dazu kam etwas, das sich schlecht in Zahlen fassen lässt: Eine Manufaktur wie die Majolika gehört zu einer Stadt. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Sammler, Nachbarn – viele Menschen hatten eine persönliche Beziehung zu diesem Ort. Ein Bestand, der still in Containern und Depots verschwindet, hätte diese Geschichte beschädigt. Die Aufgabe war deshalb nie nur logistisch. Sie war auch eine Frage der Haltung.
Ganz am Anfang stand trotzdem eine nüchterne Frage: Was ist überhaupt da? Vor der ersten vollständigen Sichtung war der Bestand eine Blackbox – und niemand konnte seriös sagen, welcher Erlös realistisch war.
Das Vorgehen: drei Monate von der ersten Sichtung bis zum Hammerschlag
Der Ablauf folgte derselben Systematik wie bei einer Museumsauflösung – nur unter hohem Zeitdruck.
Sichtung & Bestandsaufnahme
Vollständige Erfassung des Bestands vor Ort – vom Spitzenstück bis zum Serienteil. Erst danach ließ sich überhaupt planen: Umfang, Aufwand, realistische Erwartung.
Katalogisierung & Fotografie
Über drei Monate wurde jedes Objekt beschrieben, zugeordnet und fotografiert. Diese Arbeit ist der unspektakulärste und zugleich entscheidende Teil: Ohne belastbaren Katalog gibt es keine Bieter außerhalb der Region.
Lotbildung & Preisstrategie
Aus über 10.000 Objekten wurden 1.500 Lots – Einzelstücke dort, wo es der Wert rechtfertigte, Konvolute dort, wo Menge sonst zum Problem geworden wäre. Alle Lots starteten bei einheitlich 100 Euro.
Katalog, Presse & TV
8.000 gedruckte Auktionskataloge, dazu intensive Begleitung durch Fernsehen und Presse. Die Öffentlichkeit war hier kein Risiko, sondern der wichtigste Hebel für Reichweite.
Auktion & Abwicklung
Drei Auktionstage, anschließend Abrechnung, Versand und Übergabe der Dokumentation. Erst wenn das erledigt ist, ist ein solches Projekt wirklich abgeschlossen.
Jedes Objekt startete bei einem demokratischen Startpreis von 100 Euro – damit wirklich jeder die Chance hatte, ein Stück Majolika-Geschichte zu erwerben.
Diese Entscheidung war die umstrittenste des Projekts und im Rückblick die richtige. Ein niedriger, einheitlicher Startpreis senkt die Hemmschwelle, bringt Menschen in den Saal, die sonst nicht auf einer Auktion bieten würden – und lässt den Markt den Preis machen, statt ihn vorzugeben. Bei starken Losen ging der Zuschlag weit über den Startpreis hinaus. Bei schwächeren sorgte er dafür, dass sie überhaupt einen Käufer fanden.
Drei Auktionstage – und 1.500 Mal ein neues Zuhause
An drei intensiven Tagen versteigerte Auktionator Michael Lehrberger 1.500 Lots mit über 10.000 Objekten. Jedes einzelne Los fand einen Käufer. Der Zuschlagserlös lag bei rund 700.000 Euro, mit Aufgeld bei knapp einer Million.
Was sich in diesen Zahlen nicht abbildet, war die Stimmung. Schon zur Vorbesichtigung kamen über 1.500 Besucher – manche mit Tränen in den Augen. Geboten wurde aus Karlsruhe, dem übrigen Deutschland, Luxemburg, Australien und den USA, im Saal, schriftlich, telefonisch und online. Menschen, die jahrzehntelang in der Manufaktur gearbeitet hatten, standen neben Sammlern, die zum ersten Mal ein Majolika-Stück in der Hand hielten.
Am letzten Tag fiel der Hammer erst um halb eins nachts. Getragen wurde das von einem Team, das drei Tage durchgehalten hat – neben Michael Lehrberger am Pult vor allem Yves Siebers, dessen Routine den Ablauf zusammengehalten hat.
Was Träger aus diesem Projekt mitnehmen können
Der Fall Majolika ist in seiner Größenordnung besonders, in seiner Logik aber übertragbar. Vier Punkte, die bei fast jeder Bestandsauflösung gelten:
Geschwindigkeit ist möglich. Drei Monate von der ersten Sichtung bis zur Auktion klingen sportlich, sind aber machbar, wenn Sichtung, Katalogisierung und Vermarktung parallel laufen statt nacheinander. Für Träger mit Mietverträgen, Haushaltsjahren oder Fristen ist das oft die entscheidende Frage.
Vollständigkeit schlägt Rosinenpicken. Wer nur die Spitzenstücke verwertet, bleibt auf dem Rest sitzen – und der Rest ist meist das Mengenproblem. Die 100-Prozent-Quote war kein Glück, sondern das Ergebnis davon, den gesamten Bestand von Anfang an mitzudenken.
Öffentlichkeit ist ein Hebel, kein Risiko. Eine Auflösung, die ohnehin Aufmerksamkeit erzeugt, sollte man aktiv begleiten statt abwarten. Presse- und TV-Berichterstattung hat hier mehr Bieter gebracht als jede Anzeige – und dem Träger eine Erzählung gegeben, die er selbst gestalten konnte.
Dokumentation ist die Grundlage der Entlastung. Gremien, Vorstände und Aufsichten müssen nachvollziehen können, was mit welchem Objekt geschehen ist und warum. Ein sauberer Katalog und eine transparente Erlösabrechnung sind am Ende genauso wichtig wie das Ergebnis.
Mehr zu diesem Vorgehen bei institutionellen Beständen: Museumsauflösung & Deakzession · Sammlungen & Nachlässe.
Team und Verantwortung
Als Projektleiter habe ich das Gesamtprojekt verantwortet – möglich wurde das Ergebnis aber nur durch die enge Zusammenarbeit mit Martina Kistner-Bayne, dem Gröner Family Office und einem Auktionsteam, das drei Monate lang mitgezogen hat. Ein ausführlicher Bericht zur Auktion findet sich beim durchführenden Auktionshaus: Ein würdiger Abschluss – die große Majolika-Auktion (Historia Auktionen).
Was bleibt
Die Majolika ist nicht verschwunden. Sie steht heute in Wohnzimmern, in Vitrinen, in Sammlungen – bei Menschen, die wussten, was sie da mitnehmen. Genau das ist für mich der Maßstab: nicht, dass ein Bestand geräumt wurde, sondern dass er weitergegeben wurde.
TV-Beitrag & Pressestimmen
Baden TV hat die Auktion vor Ort begleitet – der Beitrag zeigt die Manufaktur, den Bestand und die Vorbesichtigung.
Häufige Fragen zum Projekt
Wie lange dauert eine Auflösung in dieser Größenordnung?
Bei der Majolika Manufaktur Karlsruhe lagen zwischen der ersten Sichtung im Dezember 2024 und dem letzten Hammerschlag rund drei Monate. Das ist ambitioniert, aber kein Sonderfall: Entscheidend ist, dass Erfassung, Katalogisierung, Fotografie und Vermarktung parallel laufen. Bei kleineren Beständen sind sechs bis zehn Wochen realistisch.
Warum ein einheitlicher Startpreis von 100 Euro?
Ein niedriger Einstieg bringt Menschen in den Saal, die sonst nicht bieten würden, und überlässt die Preisbildung dem Markt. Starke Lose steigen ohnehin über den Startpreis; schwächere finden überhaupt erst einen Käufer. Genau daraus entsteht eine Verkaufsquote von 100 Prozent.
Was passiert mit Objekten, die niemand ersteigert?
In Karlsruhe blieb nichts übrig – jedes Los wurde zugeschlagen. Grundsätzlich gilt: Für Reste gibt es Nachverkauf, Konvolutbildung oder die Vermittlung an Institutionen und Sammlungen. Wichtig ist, diesen Fall vor der Auktion zu regeln und nicht danach.
Lässt sich das Vorgehen auf kleinere Bestände übertragen?
Ja. Der Ablauf – Sichtung, Bewertung, Verwertungskonzept, dokumentierte Aussonderung, Verwertung – ist derselbe, ob es um 500 oder 10.000 Objekte geht. Unterschiedlich sind Aufwand und Vermarktungsweg: Nicht jeder Bestand trägt eine eigene Auktion, manche sind über Direktverkauf oder Vermittlung besser aufgehoben.
Bleibt eine Anfrage vertraulich, wenn noch nichts entschieden ist?
Ja. Die meisten Gespräche beginnen, lange bevor eine Entscheidung gefallen oder öffentlich ist – auf Wunsch mit Vertraulichkeitsvereinbarung. Über den Zeitpunkt der Kommunikation entscheidet immer der Träger.
Sie stehen vor einer ähnlichen Aufgabe?
Im Erstgespräch klären wir unverbindlich und vertraulich, wie sich Ihr Bestand geordnet, transparent und mit Würde verwerten lässt.