Nachlass Klaus Blochwitz – ein ganzes Werk in vierzehn Jahren
Die meisten Künstlernachlässe erzählen von einem langen Leben. Der Nachlass von Klaus Blochwitz (1934–1968) erzählt vom Gegenteil: vierzehn Arbeitsjahre, in denen ein Künstler eine Entwicklung durchläuft, für die andere vier Jahrzehnte brauchen. Vom Bildhauerentwurf zur farbintensiven Malerei, von der Malerei zur Collage, von der Collage in eine Bildsprache, die den Vietnamkrieg verhandelt. Und dann bricht es ab.
Gemeinsam mit dem Antik-Center Berlin habe ich diesen Nachlass aufgearbeitet: gesichtet, geordnet, in Werkphasen strukturiert und für den Markt anschlussfähig gemacht. Bei einem so kurzen und so heterogenen Œuvre ist genau das die eigentliche Arbeit — denn ohne Ordnung wirkt ein Werk mit fünf Stilphasen nicht vielseitig, sondern beliebig.
Eine Ausbildung im Zentrum der Nachkriegsmoderne
Blochwitz wurde am 12. August 1934 in Berlin geboren und studierte von 1953 bis 1955 an der Meisterschule für Kunsthandwerk bei Hans Uhlmann, anschließend von 1955 bis 1961 an der Hochschule für bildende Künste Berlin — erneut bei Uhlmann. Am 28. Juni 1960 erhielt er den Meisterschülertitel bei Karl Hartung.
Wer diese beiden Namen kennt, weiß, wo Blochwitz stand. Hans Uhlmann (1900–1975) gilt als Begründer der Metallplastik in Deutschland, hatte 1933 wegen einer Flugblattaktion im Gefängnis gesessen und richtete 1953 an der HfbK die erste Metallbildhauerklasse Deutschlands ein. Karl Hartung (1908–1967) kam vom Holzbildhauerhandwerk und fand über Brâncuși, Archipenko und Arp zur Abstraktion. Beide waren auf der documenta 1, II und III vertreten — also exakt in dem Zeitraum, in dem Blochwitz bei ihnen lernte. Er wuchs nicht am Rand der westdeutschen Nachkriegsmoderne auf, sondern in ihrem Maschinenraum.
Fünf Phasen in vierzehn Jahren
Was den Nachlass ungewöhnlich macht, ist die Geschwindigkeit der Entwicklung. Blochwitz durchlief Stilphasen, die sich kaum ineinander überblenden, sondern klar voneinander abgesetzt sind:
Bildhauerentwurf und Geometrie
Plastische Entwürfe und geometrische Form-Farb-Kompositionen — die Handschrift der Uhlmann-Schule, gedacht vom Raum her.
Der Wechsel zur Malerei
Farbintensive Stillleben, Kompositionen, maritime und exotische Landschaften, Frauenporträts. Die produktivste und zugänglichste Phase des Werks.
Collage, Geschlecht, Kreuz
Blochwitz experimentiert mit Bildcollage. Geschlechterthemen treten in den Vordergrund, das Kreuz wird zum wiederkehrenden Motiv.
Vietnam
Der Krieg schlägt direkt ins Werk durch — Titel wie „Krieg in Vietnam“, „Auf der Flucht“ oder „Gefecht am roten Fluss“ sprechen für sich.
Anatomie löst sich in Wolken auf
Körperformen gehen in Wolkenbildungen über, bis die Wolke selbst zum Bildzentrum wird. Die letzte und formal eigenständigste Erfindung des Werks.
Blochwitz starb 1968 im Alter von 34 Jahren durch Suizid. Auf der Seite des Projektpartners wird ein Zusammenhang zwischen dem aufgelösten Spätwerk und seinem Tod angedeutet. Ich halte das für nicht belegbar und würde davon abraten, das Werk rückwärts von seinem Ende her zu lesen: Die Wolkenbilder sind eine formale Lösung, keine Ankündigung. Was bleibt, ist ein Œuvre, das mitten in einer Bewegung stehengeblieben ist.
Was im Bestand liegt
Der Nachlass umfasst Werke aus den Jahren 1954 bis 1968 in unterschiedlichen Techniken. Auf Leinwand und Hartfaser finden sich unter anderem „Die Sitzende“, „Zwei Raumschiffe“, „Maler und Modell“, „Stadtrandsiedlung“, „Wolken über der Stadt“, „Abends an der Havel“, „Canale Grande“ und „Vor dem Kino“ — eine Titelliste, die die thematische Spannweite gut abbildet: Alltag, Akt, Stadt, Reise, Krieg.
Dazu kommt ein umfangreicher Papierbestand: fünfundzwanzig durchnummerierte Blätter unter dem Titel „Skulpturen“, sechs Variationen „Abstrakte Figuration“, vier „Abstraktion“, zwei „Abstrakte Komposition“ sowie Einzelblätter wie „Handstudie“ und „Geometrie“. Gerade dieser Papierbestand ist der Schlüssel zum Verständnis des Gesamtwerks — er zeigt den Bildhauer, der Blochwitz zuerst war, und macht nachvollziehbar, warum seine Malerei so stark vom Volumen her gedacht ist.
Was wir am Nachlass gemacht haben
Jedes Werk ist signiert, datiert, nummeriert, mit dem Nachlassstempel versehen und im Werkverzeichnis erfasst. Diese Vollständigkeit ist die Grundvoraussetzung dafür, dass ein Bestand für Sammler, Galerien und Museen überhaupt verhandelbar wird — ohne Werkverzeichnis ist ein Konvolut ein Stapel Bilder, mit Werkverzeichnis ist es ein Œuvre.
Die eigentliche Aufgabe lag bei Blochwitz jedoch eine Ebene darüber: Sichtung des Gesamtbestands, Bewertung, Einordnung in den kunsthistorischen Kontext und die Entwicklung einer Verwertungsstrategie, die das Werk als Zusammenhang begreift und nicht als Sortiment. Bei fünf klar unterscheidbaren Stilphasen ist die Versuchung groß, nur die marktgängigste herauszugreifen — die farbintensiven Landschaften und Akte der frühen Sechziger verkaufen sich zweifellos leichter als die Vietnam-Arbeiten. Genau das wäre der Fehler. Ganzheitlich, ohne Cherrypicking: Bei einem Künstler, dessen Werk ohnehin zu kurz war, ist das keine Stilfrage.
Was dieses Projekt zeigt
Ein kurzes Werk ist nicht automatisch ein kleines. Blochwitz hinterlässt ein Œuvre, das mehr Entwicklung enthält als manche vierzigjährige Laufbahn — aber es braucht jemanden, der diese Entwicklung sichtbar macht. Genau darin liegt der Unterschied zwischen einem gelagerten und einem aufgearbeiteten Nachlass: Der eine ist ein Konvolut unbekannter Blätter, der andere ist eine Erzählung mit Anfang, Wendepunkten und einem Abbruch, den man benennen kann.
Diese Verbindung aus Nachlassaufarbeitung, Werkverzeichnis und Marktverständnis biete ich Familien, Erbengemeinschaften und Institutionen an, die vor einem künstlerischen Nachlass stehen. Ein weiteres Beispiel aus derselben Zusammenarbeit ist der Nachlass Benedikt Brun-Stiller; weitere Arbeiten finden Sie unter Projekte.
Der aufgearbeitete Bestand ist beim Projektpartner einsehbar: Sammlung Klaus Blochwitz beim Antik-Center Berlin. Eine digitale Fassung des Werkverzeichnisses ist auf Anfrage erhältlich.
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