Ein Werk, das niemand suchte: Gert Zech und der lange Weg zum Werkverzeichnis
Rund 1.400 Gemälde, etwa 6.000 Zeichnungen, Plastiken, Druckgrafik, eigene Gedichtbände – und über Jahrzehnte kaum jemand, der davon wusste. Manche Projekte beginnen mit einem Auftrag. Dieses begann mit einem Hinweis.
Im Frühjahr 2024 führte mich eine Spur in den Raum Stuttgart, nach Ebersbach an der Fils. Was ich dort vorfand, war kein Konvolut, sondern ein Kosmos: hunderte farbige Arbeiten, Stapel von Tuschezeichnungen, Plastiken, Radierungen, eigene Gedichtbände – und eine umfangreiche Bibliothek aus Kunst, Literatur und Philosophie, die verriet, wie ernsthaft hier jemand über Jahrzehnte gearbeitet hatte. Der Künstler: Gert Zech, geboren 1937 in Eislingen an der Fils, Autodidakt, aufgewachsen bei Pflegeeltern, hauptberuflich in der Industrie tätig.
Es gibt in diesem Beruf Momente, in denen man sofort weiß, dass man nicht vor einem Nachlass steht, sondern vor einer Aufgabe. Das war so ein Moment.
Warum ein Werkverzeichnis?
Ein Werk dieser Größe, das jahrzehntelang außerhalb des Kunstbetriebs entstanden ist, hat ein strukturelles Problem: Es existiert, aber es ist nicht sichtbar. Es lässt sich weder einordnen noch bewerten, weder ausstellen noch verantwortungsvoll verkaufen, solange niemand weiß, was es überhaupt umfasst. Ohne Erfassung bleibt jede Einzelarbeit ein Zufallsfund.
Gemeinsam mit der Familie Zech fiel deshalb die Entscheidung, das Werk vollständig zu erfassen, kunsthistorisch einzuordnen und erstmals in größerem Zusammenhang sichtbar zu machen. Ich habe die Koordination dieses Werkverzeichnisses übernommen – und damit die Verantwortung für alles, was zwischen dem ersten Karton im Regal und dem gedruckten Buch liegt:
- Sichtung und Systematik – jedes Werk aufnehmen, nummerieren, datieren, messen, Werkgruppen bilden. Bei einem Bestand dieser Größenordnung ist die Ordnungslogik keine Formalie, sondern die halbe Arbeit.
- Fotodokumentation – konsistent, farbverbindlich, in einer Qualität, die für den Druck ebenso trägt wie für die spätere digitale Nutzung.
- Kunsthistorische Bearbeitung – gemeinsam mit Frau Dr. Hoge, deren Text das Werk zwischen individueller Ausdruckskunst, europäischer Nachkriegsavantgarde und Art Brut verortet.
- Redaktion, Satz und Drucklegung – von der Bildauswahl über die Struktur des Bandes bis zur Begleitung in der Produktion. Ein Werkverzeichnis wird einmal gedruckt und dann jahrzehntelang zitiert. Fehler bleiben.
Was das Werk erzählt
Zech begann um 1952 autodidaktisch zu malen, zunächst orientiert an den naturalistischen Landschaften seines Pflegevaters und an Postkartenvorlagen. Doch der Wunsch, sich davon zu lösen, kam schnell. Er selbst hat es später knapp formuliert: „Die normale Malerei, so wie jeder malt, das hat mich nicht interessiert.“
Also arbeitete er sich selbst durch die Moderne – ganze Tage in Stuttgarter Bibliotheken, durch Kunstliteratur, auf der Suche nach anderen Möglichkeiten. Tachismus und Informel wurden prägend, vor allem aber die Begegnung mit Jean Dubuffet und dessen Konzept der Art Brut. Dort fühlte er sich zugehörig: bei den Autodidakten, den Außenseitern, denen, deren Ausdruck nicht durch akademische Konventionen gefiltert ist.
Ab den 1970er Jahren steht seine Bildsprache: reduzierte Form, intensive Farbe, und vor allem die Linie – oft in einem einzigen fließenden Zug mit Tusche gesetzt, im Sinne einer „écriture automatique“. Das zentrale Motiv sind Köpfe und Figuren: durchfurchte Gesichter, fragmentierte Physiognomien, eine fast archaische Intensität. Daneben Tiere und Fabelwesen, menschenleere Städte, scherenschnittartige biomorphe Formen, materialschwere Assemblagen der 1980er Jahre. Ab den 1980ern kam das Schreiben hinzu – Gedichte, die er als denselben Automatismus beschrieb wie das Zeichnen, und über deren Ergebnisse er manchmal selbst erstaunt war.
Gemalt wurde auf dem, was da war: Karton, Holz, Papierrückseiten, Fundstücke. Auch das ist Art Brut – nicht als Pose, sondern als Selbstverständlichkeit.
Anerkennung blieb weitgehend aus. Erst Anfang der 1990er Jahre wurde der Psychiater und Sammler Manfred in der Beek zufällig auf die Arbeiten aufmerksam und erwarb mehrere Werke. Zech malte weiter. Für ihn war die künstlerische Arbeit weniger Beruf als Lebensform – und Lebenserhaltung.
Die Arbeit endet nicht mit dem Buch
Genau das ist der Punkt, den man bei Werkverzeichnissen leicht übersieht: Das Buch ist kein Abschluss, sondern eine Grundlage. Ich betreue den Nachlass Gert Zech weiterhin – die konzeptionelle Aufarbeitung, die Präsentation ausgewählter Arbeiten über ARTTRD, Anfragen zu einzelnen Werken, die schrittweise Weiterentwicklung.
Denn ein erfasstes Werk ist ein Werk, das ausgestellt, verglichen, erforscht, eingeordnet und verantwortungsvoll weitergegeben werden kann. Zech hat sein Leben lang ohne Publikum gearbeitet. Es wurde Zeit, dass eines dazukommt.
Mehr dazu: Sammlungen & Nachlässe · Website zum Künstler: gert-zech.de · Werkverzeichnis bestellen: ARTTRD