Nachlass Benedikt Brun-Stiller – ein Expressionist, den der Markt vergessen hat
Es gibt Künstlernachlässe, bei denen die Arbeit darin besteht, einen bekannten Namen zu verwalten. Und es gibt solche, bei denen sie darin besteht, einen Namen überhaupt erst wieder lesbar zu machen. Benedikt Brun-Stiller (1897–1986) gehört zur zweiten Sorte – und ist damit ein Musterfall für das, was Nachlassarbeit eigentlich leisten muss.
Gemeinsam mit dem Antik-Center Berlin habe ich den Nachlass erneut aufgearbeitet: gesichtet, geordnet, bewertet und für den Markt anschlussfähig gemacht. Das Ergebnis ist ein Bestand, der sich heute mit Werkverzeichnis, Nachlassstempel und vollständiger Dokumentation präsentieren kann – und ein Künstler, dessen Biografie erklärt, warum er so lange unter dem Radar geblieben ist.
Die verschollene Generation
Brun-Stiller wurde 1897 in Breslau geboren – und damit hinein in einen Jahrgang, für den die Kunstgeschichte einen eigenen Begriff geprägt hat. Der Kunsthistoriker Rainer Zimmermann fasste 1980 die zwischen 1890 und 1914 geborenen deutschen Künstler als „verschollene Generation“ zusammen: eine Generation, die in der Weimarer Republik ausgebildet wurde und gerade begann, sich zu etablieren, als die NS-Zeit ihre Laufbahnen zerschlug. Ausstellungsverbote, beschlagnahmte Werke, Kriegsdienst, zerbombte Ateliers – und nach 1945 ein Kunstmarkt, der nur noch die Abstraktion sehen wollte.
Genau in dieser Lücke steht Brun-Stillers Werk. Er blieb dem Expressionismus treu, als der Markt sich längst abgewandt hatte. Das ist der Kern seiner künstlerischen Redlichkeit – und zugleich der Grund für seine jahrzehntelange Unsichtbarkeit.
Eine Ausbildung, die man sich nicht ausdenken kann
Brun-Stiller studierte ab Herbst 1919 an der Staatlichen Kunstakademie in Breslau – bei Oskar Moll, einem Schüler von Henri Matisse, und bei Otto Mueller, einem der Gründungsmitglieder der Künstlergruppe „Brücke“. Parallel hörte er Kunstgeschichte bei Wilhelm Pinder, August Grisebach und Fritz Weege. Es ist eine Lehrerliste, wie sie im deutschen Expressionismus kaum dichter zu haben ist.
Prägender als jede Akademie wurde jedoch eine Begegnung in den 1920er Jahren im pommerschen Jershöft: Dort traf Brun-Stiller auf Karl Schmidt-Rottluff, ebenfalls Brücke-Gründer. Aus dem Zusammentreffen wurde eine Freundschaft, die ein Leben lang hielt. Schmidt-Rottluff unterwies ihn in Farbtheorie und blieb sein künstlerisches Maß – so sehr, dass Brun-Stiller noch Jahre nach dessen Tod jeden Allerseelentag einen Kranz an sein Grab legte.
Krieg, Gefangenschaft, Neuanfang in Berlin
1939 eingezogen, 1945 in amerikanischer Kriegsgefangenschaft, danach medizinische Zeichnungen für die sowjetische Seite in Beelitz – Brun-Stillers Weg durch die Kriegs- und Nachkriegsjahre ist der einer ganzen Generation. Im April 1947 ging er nach Berlin und begann buchstäblich bei Null: In den ersten Monaten tauschte er Gemüse gegen Malmaterial. Schmidt-Rottluff half ihm beim Ankommen.
1950 war Brun-Stiller an der Eröffnungsausstellung des Hauses am Lützowplatz beteiligt – dem Ort, der ihm zwei Jahrzehnte später, 1973, die Einzelausstellung „Brun-Stiller – Aquarelle und Ölpastelle“ mit 44 Arbeiten aus den Jahren 1931 bis 1973 ausrichtete. Ab 1964 arbeitete er fünfzehn Jahre lang nachts ehrenamtlich in einer Obdachlosenmission der Caritas in der Franklinstraße.
Was er malte – und was auffällig fehlt
Fünfzehn Jahre Nachtdienst bei Obdachlosen, und kein einziges Werk, das davon erzählt: In Brun-Stillers Bildwelt kommt der Mensch praktisch nicht vor. Er malte Landschaften, Stadtansichten und vor allem Blumen. Frische Blumen waren ihm derart wichtig, dass er seiner Floristin zweimal gerahmte Gemälde gegen Sträuße eintauschte. Reisen nach Südtirol, Süditalien, Frankreich und Südafrika in den 1970er Jahren erweiterten das Motivrepertoire, ohne den Grundton zu verändern.
Man kann das als Ausweichen lesen. Man kann es auch so lesen, wie es sich beim Betrachten anfühlt: als bewusst gehaltener Gegenraum zu einem Leben, das genug Härte gesehen hatte.
Was wir am Nachlass gemacht haben
Der Bestand umfasst Arbeiten aus den Jahren 1952 bis 1975 in unterschiedlichen Techniken. Jedes Werk ist signiert, datiert, nummeriert, mit dem Nachlassstempel versehen und im Werkverzeichnis erfasst. Diese Vollständigkeit ist kein Selbstzweck: Sie ist die Voraussetzung dafür, dass ein Nachlass für Sammler, Galerien und Museen überhaupt verhandelbar wird. Ohne Werkverzeichnis ist ein Konvolut ein Stapel Bilder; mit Werkverzeichnis ist es ein Œuvre.
Unsere Aufgabe im Projekt war die zweite Schicht darüber: Sichtung des Gesamtbestands, Bewertung, Einordnung des Werks in den kunsthistorischen Kontext und die Entwicklung einer Verwertungsstrategie, die nicht nur die zwanzig besten Blätter herausgreift. Ganzheitlich, ohne Cherrypicking – das ist bei einem Künstler, der ohnehin zu lange übersehen wurde, keine Stilfrage, sondern eine Frage des Anstands.
Was dieses Projekt zeigt
Ein Nachlass wird nicht dadurch wertvoll, dass man ihn lagert. Er wird es dadurch, dass jemand die Arbeit macht: dokumentieren, einordnen, erzählen, verkaufen – in dieser Reihenfolge. Bei Brun-Stiller kam hinzu, dass die kunsthistorische Einordnung selbst ein Teil der Wertschöpfung war. Wer den Begriff „verschollene Generation“ kennt, sieht in diesen Blättern etwas anderes als jemand, der nur ein unbekanntes Signaturkürzel liest.
Genau diese Verbindung aus Nachlassaufarbeitung, Werkverzeichnis und Marktverständnis biete ich Familien, Erbengemeinschaften und Institutionen an, die vor einem künstlerischen Nachlass stehen. Weitere Projekte finden Sie unter Projekte.
Der aufgearbeitete Bestand ist beim Projektpartner einsehbar: Sammlung Benedikt Brun-Stiller beim Antik-Center Berlin. Eine digitale Fassung des Werkverzeichnisses ist auf Anfrage erhältlich.
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Im Erstgespräch klären wir unverbindlich und vertraulich, was in dem Bestand steckt und wie er sichtbar wird.